[Arabrev] What about the working class?

Allgemeine Informationen:

Hintergrund & Artikel bis Januar 2011:

 

In der Berichterstattung von den Protesten in Ägypten seit dem 25. Januar war bisher selten Konkretes über die ägyptische Arbeiterbewegung und Gewerkschaften zu erfahren. Es wird unter anderem auf Arbeiterkämpfe und die gegen sie gerichtete Repression als Ausgangspunkt der „April 6“-Jugendbewegung und des „Januar 25“-Aufrufs verwiesen, sowie auf die sozialen Forderungen des Massenprotests. In einer Materialsammlung auf Labournet.de war am 4.2.2011 zu lesen:

In der kurzen Erklärung „The workers are angry!“  vom 01. Februar 2011 hat das CENTER FOR TRADE UNION WORKERS AND SERVICES (CTUWS) – das vorher bereits auf die Streikbewegung etwa in Suez verwiesen hatte – die Bestrebungen publiziert, dem mubaraktreuen Gewerkschaftsverband ETUF ein Ende zu setzen, mit der Ankündigung des Beschlusses mehrerer unabhängiger Gewerkschaften, eine neue Föderation gründen zu wollen…Das CTUWS hatte bereits vorher die Erklärung „Government-Dominated „Official“ Labour Federation is One of Reasons Led to Crisis“  am 27. Januar 2011 die ETUF als einen Grund für die Krise bezeichnet … In dem Buch „Egyptian politics: the dynamics of authoritarian rule“  von Maye Kassem … schreibt der Autor im Kapitel Zivilgesellschaft einen ganzen Abschnitt darüber, dass die „Kooptierung der Gewerkschaftsstrukturen“ unter Mubarak so weit gegangen sei, dass jede betriebliche Aktion nur noch selbstständig möglich gewesen sei – und von daher stets auch ein Akt der Opposition. Einen kurzen Abriß der ägyptischen Gewerkschaftsgeschichte seit der Gründung des Gewerkschaftsbundes 1921 gibt in Egypt’s Long Labor History“  Atef Said bereits 2009 …

In der gemeinsamen Erklärung vieler Kairoer DemonstrantInnen „Déclaration commune de toute l’opposition égyptienne, appuyée par la société civile en lutte“  vom 31. Januar 2011 werden vier Punkte genannt: Rücktritt Mubaraks, Aufhebung der Ausnahmegesetze, eine verfassungsgebende Versammlung aus unbescholtenen BürgerInnen und eine Regierung der nationalen Rettung, die die sozialen Bedürfnisse des ägyptischen Volkes verwirklicht, in erster Linie die Einführung eines Mindestlohns, der zum Leben ausreicht und Maßnahmen gegen die Erwerbslosigkeit, allessamt mehr als deutliche Hinweise auf den demokratischen und sozialen Inhalt der Bewegung (und die Rolle gewerkschaftlicher Kräfte darin), …

Im Artikel „Ägyptische Arbeiter haben den Schlüssel für den Aufstand“ geht Jeff Kaye u.a. auf die Rolle des verhassten „Gesetz Nr. 100“ ein und berichtet von der Gründung des unabhängigen Gewerkschaftsverbands FETU in Konkurrenz zur Mubarak-treuen Gewerkschaft ETUF:

Zur FETU-Führung gehört der Chef der Arbeitergewerkschaft der Grundbuchsteuerbehörde (RETA), die erste unabhängige Gewerkschaft seit über 50 Jahren. RETA selbst ist nicht vom ägyptischen Staat anerkannt. Das Zentrum der Gewerkschaften und der Arbeiterdienstleistungen (CTUWS), ebenfalls Teil der neuen FETU, wurde 2007 von der Regierung geschlossen und durfte erst im Juli 2008 wieder geöffnet werden. …

[13.02.11 12:23]

Erst im Verlauf der „Woche des Widerstands“ seit 7.2. verdichten sich die Berichte von zunehmenden Streikbewegungen. Immer mehr Arbeiter schliessen sich dem Aufruf der unabhängigen Gewerkschaften zum Generalstreik an. Daniel Neun berichtet darüber im Ägypten-Ticker von Radio Utopie am 10.2.2011:

… Es fing an mit kleinen, unabhängigen Gewerkschaften, die sich der von allen Gruppen der Gesellschaft (auch von Arbeitern) getragenen Freiheitsbewegung anschlossen. Am 30. Januar, fünf Tage nach Beginn des Aufstands, schlossen sich auf dem Tahrir Platz mehrere kleine Gewerkschaften zur “Föderation der Ägyptischen Gewerkschaften” (Federation of Egyptian Trade Unions, FETU) zusammen.

Im Ägypten … hatte die Mubarak-Diktatur bisher die Arbeiter über ihren äygptischen Einheitsgewerkschaftsbund “Egyptian Trade Union Federation” EFTU, mit 23 Einzelgewerkschaften und 2.5 Millionen Mitgliedern, dirigiert und unter Kontrolle gehalten.

Doch dann begannen sich die Arbeiter der FETU gestern gegen die Strukturen der regimenahen Einheitsgewerkschaft EFTU langsam durchzusetzen. Mehr und mehr Arbeiter begannen zu streiken, nicht alle gegen das Regime, aber für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen. …

Interview mit Hossam El-Hamalawy, Internet-Autor (Blogger) und Aktivist aus Kairo, über die sich ausbreitenden Streiks der Arbeiter.

… 11.42 Uhr. Der Präsident der ägyptischen Journalisten-Gewerkschaft, Makram Mohammed Ahmed, verkündet seinen Austritt. Zuvor hatten die Mitglieder wegen seiner regimetreuen Haltung über Tage seinen Rücktritt verlangt und Widerstand gegen die Gewerkschaftsführung organisiert. …

Ebenfalls am 10.2.2011 berichtet die Rote Fahne über „Ägypten: Welle von Arbeiterstreiks im ganzen Land“:

Laufend entstehen Arbeiterstreiks im ganzen Land, über die die Massenmedien hier kaum berichten. In einem Stahlwerk, das in Staatsbesitz ist, haben 500 Stahlarbeiter das Management der jahrelangen Unterdrückung ihrer Rechte angeklagt. Ihr Sprecher Mohammed Sayed sagte: „Sechs Jahre lang haben wir unter diesen Bedingungen gearbeitet, aber wir werden nicht mehr länger schweigen.“

Über 2.000 Arbeiter der Seidenfabriken in der Industriestadt Helwan, 30 km südlich von Kairo, haben die Arbeit niedergelegt und das Büro des Managements eingekreist. Sie fordern die Absetzung des Aufsichtsratschefs. In den Cola-Fabriken in Helwan streiken die Arbeiter für höhere Löhne und Festanstellung.

Laut Bericht der ägyptischen Wochenzeitung „Ahram“ von gestern geht gegenwärtig eine Streikwelle durch das ganze Land, die sowohl die staatlichen als auch die privaten Betriebe erfasst hat. Überall fordern die Arbeiterinnen und Arbeiter höhere Löhne, bzw. die Auszahlung nicht erfolgter Entlohnung der letzten Wochen und Monate, sowie bessere Arbeitssicherheit und Arbeitsbedingungen. Diese Forderungen sind mitunter auch mit politischen Forderungen nach sofortigem Rücktritt des Mubarak-Regimes, für die Zulassung regierungs-unabhängiger Gewerkschaften und für die Erweiterung der Arbeiterrechte im Betrieb verbunden.

Rund 1.900 Arbeiterstreiks mit 1,7 Millionen Teilnehmern gab es in Ägypten in den Jahren 2004 – 2008. Diese neue aktuelle Streikwelle erfolgte unmittelbar nach der größten Massendemonstration in Kairo mit schätzungsweise zwei Millionen Teilnehmern. …

[13.02.11 12:24]

Die Streikbewegung in den Tagen bis zum Sturz Mubaraks:

[15.02.11 15:48]

Fortsetzung der Streiks und Arbeiterproteste unter der Militärregierung:

  • Egypt’s New Military Rulers To Ban Unions, Strikes – Common Dreams/Reuters, 13.2.2011.
  • Egyptian military threatens to ban strikes. PROTEST! – Workers‘ Liberty, 13.2.2011.
  • Hossam el-Hamalawy: Egypt: Oil and Gas Workers on Strike – MRzine, 13.2.2011 – Thousands of workers from several oil and gas companies are on strike, protesting in front of the Ministry of Petroleum, in Nasr City. The workers have several economic and political demands, including putting an end to abusive management practices such as sacking workers who speak up for their rights, reinstating the sacked workers, raising salaries that roughly average LE400, establishing an independent union, impeaching the corrupt oil minister Sameh Fahmy, and stopping gas exports to Israel.
  • Jano Charbel: Workers demand dissolution of state-run trade union federation – Al-Masry Al-Youm, 14.2.2011 – Around 500 workers and labor activists congregated outside the state-controlled Egyptian Trade Union Federation (ETUF) on Monday to demand the federation’s dissolution. Protesters gathered at 4 PM and chanted slogans calling for the right to conduct peaceful labor strikes, the trial of ETUF leaders, and the right to establish independent unions. … The largest number of workers in attendance were those from the independent Union of Real Estate Tax Authority Employees (RETA Union.)
  • Three of labour activists have been injured during a demonstration in front of ETUF – CTUWS, 14.2.2011 – Today, during the demonstration which was in front of the General Trade Union Federation (ETUF) that included more than 2000 labour activists, some of thugs who are hired by ETUF threw empty bottles (of glass) towards the demonstrators, … Army forces could enter the ETUF premises and arrested four of the thugs, and then it was cleared that those thugs follow (affiliated to) Hussein Megawer, president of the General Trade Union Federation „ETUF“.
  • Nach Massenprotest Beamtenstreiks. Ägyptens Angestellte wollen mehr Geld – ND, 15.2.2011 – Streiks und Beamtenproteste lösen derzeit in Ägypten die Tage der politischen Demonstrationen ab. Trotzdem kehrt drei Tage nach dem Abtritt Mubaraks langsam die Normalität zurück.

 

Assiut workers protest living conditions

Al-Masry Al-Youm, 14.2.2011

Thousands of workers and employees from the Upper Egyptian city of Assiut protested today, calling for better living conditions and higher pay, and condemning corrupt officials who headed government bodies under the ousted regime.

Approximately 1500 employees from a local businessmen’s association staged a sit-in for the second consecutive day to demand permanent contracts, higher pay and better working conditions. Mohamed Zaki, one of the protesting employees, said that after working with the association for several years he receives a monthly salary of only LE250. Meanwhile top-ranking managers receive much higher salaries, he added.

Around 4000 workers from the Assiut Cement Company also staged a sit-in to demand permanent contracts and to call for a profit-sharing system as well as to express their rejection of the daily-wage basis for work. The workers also called for returning the company to its former Egyptian owners instead of the current Mexican owner, who they say purchased the factory at an extremely low price.

Another 2000 workers from the Assiut Fertilizer Factory organized a sit-in to demand better compensation and permanent contracts and called for the departure of the general manager of the factory.

[15.02.11 17:39]

Ägyptisches Militär beansprucht die Macht: Streiks und Demonstrationen weiten sich aus

Andrea Peters, 15.2.2011, WSWS

… Die Massenbewegung, die Mubarak gestürzt hat, breitete sich am Wochenende mit neuen Streiks und Protestaktionen weiter aus.

Beschäftigte des öffentlichen Dienstes an der Nationalbank Ägyptens begannen am Sonntag zu protestieren und verlangten höhere Löhne und ein Ende der Korruption und der Vetternwirtschaft. Tausende versammelten sich vor den Bankgebäuden in Kairo, die verschlossen waren, um zu verhindern, dass die Beschäftigten in den Gebäuden sich denen draußen anschlossen. Im Verlauf des Tages schwoll die Menge an und zwang die Regierung dazu, den Montag und Dienstag zu nationalen freien Tagen für die Banken zu erklären. Die Bankangestellten mussten sich mit Soldaten auseinandersetzen, die um die Banken in Kairo Ketten gebildet hatten. …

Es gibt Anzeichen, dass sich die Streiks auf andere Einrichtungen ausgeweitet haben, darunter die Bank von Alexandria und staatliche Versicherungen. Vor einer Versicherungsniederlassung nicht weit vom Tahrir Platz sprachen Reuters Reporter mit einer Frau in einer Menschenmenge:

“Ich habe fünf Jahre lang in dem Unternehmen gearbeitet”, sagte Hala Fawzi der Nachrichtenagentur. „Endlich haben wir den Mut gefunden, zu sprechen.“ Die 34jährige Mutter von zwei Kindern erhält im Monat 100 ägyptische Pfund (etwas mehr als 12 Euro). Das entspricht einem Viertel des Gehalts eines Lehrers an einer öffentlichen Schule.

Auf der Halbinsel Sinai begannen 700 Arbeiter eines Unternehmens, das für die multinationalen Friedenstruppen in dieser Region Dienstleistungen erbringt, ein Sit-in. Die Beschäftigten versammelten sich vor der Kaserne in Scharm El-Scheich und El Gorah und forderten höhere Löhne. In der Stadt Arisch auf dem Sinai streikten 300 Krankenhausbeschäftigte und Bergarbeiter, um feste Arbeitsplätze und eine Gesundheitsversicherung zu fordern.

Am Sonntag wurden Streiks des Eisenbahnpersonals und der Stahlarbeiter fortgesetzt.

Angestellte der Mirs Spinnerei und Weberei in Mahalla, der größten Textilfabrik des Landes, setzten ihre Streikaktion über das Wochenende aus, machten aber deutlich, dass sie fortfahren würden, ihre Forderungen durchzusetzen. „Wir habe fürs erste aufgehört zu streiken, aber wir werden weiterhin fordern, dass der Mindestlohn angehoben wird“, erklärte der Organisator des Streiks Faisal Naousha der Nachrichtenagentur AFP.

In einer deutlichen Warnung an die Arbeiterklasse erklärte ein Armeegeneral gegenüber Reuters, dass der Oberste Militärgerichtshof beabsichtige „Versammlungen der Arbeitergewerkschaften und Berufsverbände zu verbieten und damit Streiks praktisch zu verhindern.“ Das Militär werde eine Rückkehr zu „Chaos und Unordnung“ nicht dulden, sagte er.

Seit ihrer Machtübernahme hat die Armee die Bevölkerung dringend aufgefordert, die Proteste einzustellen und an die Arbeit zurückzukehren. Das Militär, das eng mit der herrschenden Klasse Ägyptens und der Unternehmerelite verbunden ist, steht den Forderungen der Bevölkerung nach Lohnerhöhungen, besseren Lebensbedingungen und Maßnahmen gegen die weitverbreitete Arbeitslosigkeit sehr feindlich gegenüber.

Premierminister Schafik sagte am Wochenende im ägyptischen Fernsehen, dass die Regierung sich weigere, Gehaltserhöhungen im öffentlichen Dienst zu gewähren

[16.02.11 12:13]

Media Snapshot: Links vom 14.-16.2.2011 zu Ägypten bei der Gewerkschafter-Seite LabourStart:

[16.02.11 23:18]

Egyptians defy call to end strikes

Al Jazeera English, 16.2.2011

Workers in banking, transport, oil, tourism, textiles, state-owned media and government bodies are striking to demand higher wages and better conditions, said Kamal Abbas of the Centre for Trade Union and Workers‘ Services. Staff at Cairo airport and in the textile industry were among those who on Wednesday defied the call by Egypt’s new military rulers to stop all protests.

While hundreds of airport employees protested inside the arrivals terminal for better wages and health coverage, in the industrial Nile Delta city of Mahallah al-Koubra, more than 12,000 workers at a state-owned textile factory went on strike over pay and calls for an investigation into alleged corruption at the factory.

In Port Said, a coastal city at the northern tip of the Suez Canal, about 1,000 people demonstrated to demand that a chemical factory be closed because it was dumping waste in a lake near the city.

In sectors not hit by strikes, the central bank’s decision to keep banks closed was forcing many to scale back production because clients were unable to pay for the goods.

The military had urged Egyptians on Monday not to strike and appealing to their sense of national duty in what was seen as a final warning before an outright ban on strikes and protests.

Pro-democracy leaders plan a big „Victory March“ on Friday to celebrate the revolution. …

[17.02.11 02:05]

Ägypten: Streiks und Protestaktionen breiten sich aus

Patrick O`Connor, WSWS, 16.2.2011

In den wichtigsten Städten Ägyptens begannen zahlreiche Arbeiter Streiks und demonstrierten für höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und die Absetzung korrupter Manager der staatseigenen Unternehmen, die unter Präsident Hosni Mubarak eingesetzt worden waren. Diese Bewegung der Arbeiterklasse entwickelt sich trotz der Herrschaft des Militärs, das in aller Schärfe ein Ende der Arbeitskämpfe forderte. …

Die Zentralbank von Ägypten ordnete an, dass wegen eines Streiks der Beschäftigten der Ägyptischen Nationalbank (NBE), der größten staatlichen Bank, im ganzen Land die Banken geschlossen bleiben. Hunderte von Angestellten demonstrierten vor der Zentrale der NBE. Sie forderten, so wird berichtet, dass Arbeiter mit befristeten Verträgen fest angestellt werden. …

Tausende von Arbeitern diverser Erdöl- und Erdgasunternehmen befinden sich im Streik und begannen am Montag vor dem Erdöl-Ministerium im Kairoer Bezirk Nasr City eine Protestaktion. Dazu schreibt der Blogger Hossam el-Hamalawy: “Die Arbeiter haben etliche ökonomische und politische Forderungen. Sie wollen ein Ende der entwürdigenden Praktiken des Managements wie der Entlassung von Arbeitern, die für ihre Rechte eintreten. Sie fordern die Wiedereinstellung Entlassener, die Anhebung der Entlohnung, die 400 ägyptische Pfund (umgerechnet etwas mehr als 50 Euro) beträgt. Sie verlangen eine unabhängige Gewerkschaft und ein Amtsenthebungsverfahren gegen Ölminister Sameh Fahmy und den Stopp der Erdgaslieferungen an Israel.“

Ebenfalls in Kairo vor dem Gebäude des staatlichen Fernsehens und Radios forderten Hunderte von Beschäftigten der Verkehrsbetriebe höhere Löhne. …

Hunderte von Rettungssanitätern verlangen ebenfalls bessere Bezahlung. Sie parkten siebzig Krankenwagen in einer Reihe an einer Straße am Nil im Bezirk Gizeh. Beschäftigte an einem für den Verkehr äußerst wichtigen Tunnel drohten mit Sperrung der Straße, wenn ihre Löhne nicht erhöht würden. …

Neben anderen Arbeitskämpfen gingen auch die Arbeiter der Fluglinie EgyptAir am internationalen Flughafen von Kairo in Streik und setzten die Absetzung des Unternehmenschefs Alaa Ashour durch. Auch ungefähr 500 Beschäftigte des Opernhauses klagten den Chef ihrer Einrichtung wegen Korruption an und forderten seine Entlassung. Beschäftigte des Bildungsministeriums in der Kairoer Satellitenstadt 6. Oktober protestierten am Montag und forderten höhere Löhne, feste Arbeitsverträge für Zeitarbeiter und die Absetzung des Ministerialdirektors. …

Es gab auch Berichte über die Fortsetzung der Streiks in den Textil- und Stahlbetrieben, sowie der Arbeiter der staatlichen Post. …

Außerhalb von Kairo in der südägyptischen Stadt Marsa Alam gingen Arbeiter der dortigen Goldmine in Streik. In der Nähe der Pyramiden protestierten ungefähr 150 Beschäftigte der Tourismusindustrie für höhere Löhne. …

Für Freitag wurde jedoch zu einer weiteren Massenversammlung unter dem Namen “Siegesmarsch” aufgerufen.

Der Militärrat gab am Montag eine Erklärung heraus, in der ein Ende der Streiks gefordert wurde. „Ehrenhafte Ägypter sehen, dass diese Streiks zu diesem heiklen Zeitpunkt negative Auswirkungen haben. Sie können die Sicherheit des Landes beeinträchtigen, wodurch bei allen staatlichen Einrichtungen und der Infrastruktur Schaden angerichtet werden kann“, erklärte ein Sprecher des Militärs. …

Das Militär ist die tragende Säule des kapitalistischen Staates in Ägypten seit dem Staatsstreich der Freien Offiziere 1952. Unter der vom IWF gebilligten marktwirtschaftlichen Politik Mubaraks häufte das Offizierscorps enorme persönliche Reichtümer an, indem die Militärs sich große Bereiche der privatisierten staatlichen Industrie und des Landbesitzes aneigneten. Die Bewegung der Arbeiter für höhere Löhne, bessere Lebensbedingungen und demokratische Rechte stellt eine unmittelbare Bedrohung für die lukrativen Geschäfte der Armeehierarchie dar. Sie ist auch eine indirekte Herausforderung der Herrschaft der gesamten ägyptischen Bourgeoisie.

Die jüngsten Entwicklungen unterstreichen die Sorge des Militärs über die wachsende Bewegung der Arbeiterklasse in den letzten Tagen der Herrschaft Mubaraks. Am 8. und 9. Februar begannen die Massenstreiks und setzten sich bis zu Mubaraks Fernsehrede am 10. Februar fort, in der die Ankündigung seines Rücktritts erwartet worden war. …

[17.02.11 02:10]

Protests continue despite army admonitions

Al-Masry Al-Youm, 16.2.2011

Despite calls from the Supreme Armed Forces Council to end labor protests, small demonstrations continued on Wednesday.

Central Auditing Organization employees staged a sit-in Wednesday demanding that the organization be given total independence from the government. Employees also called for amending regulations, promotions and a bonus increase, among other demands.

Meanwhile, about 2000 Manpower Ministry employees protested against corruption within a group of investors who were appointed by Minister Aisha Abdel Hadi. Protesters called for bonus pay and a monthly travel allowance of LE 200.

[17.02.11 16:07]

Mahalla’s textile workers strike despite army warnings

Jano Charbel, Al-Masry Al-Youm, 17.2.2011.

Some 20,000 workers went on strike at the state-owned Mahalla Textile Company on Wednesday morning, despite warnings from the Supreme Council of the Armed Forces against labor protests. An army tank is strategically stationed outside the main gate of this massive industrial complex and several hundred textile workers are protesting within for improved working conditions, rights and wages.

The workers announced an open-ended strike and chanted against administrative corruption, but their demands are not politicized.

In response, the company’s administrative board announced a factory lock-out and a paid holiday from Thursday to Saturday. The company’s security workers unsuccessfully struggled with the employees to keep the gates shut. …

Meanwhile military police have been turning away Egyptian and foreign journalists from the premises and forcing them to erase any photos. A military police captain told Al-Masry Al-Youm that journalists must get written permission from military intelligence to enter.

The recurring strikes led by workers at the Mahalla Textile Company–in December 2006, September 2007, and a thwarted strike in April 2008–have motivated millions of Egyptian workers and professionals to protest since early 2007. While Mahalla’s textile workers made some gains through these strikes, a number of their demands were not met and many were later accused of being „instigators“ or „strike leaders“ and either fired or transferred.

The demands raised in this strike include: the resignation of Mohsen Gilani, president of the Holding Company for Spinning and Weaving, and three of the company’s administrative chiefs–Fouad Hassan, Reda Siyam and Ibrahim Heiba–whom workers accuse of corruption and mismanagement; the dissolution of their trade union committee, which workers claim was fraudulently elected and doesn’t represent them; elections for a new union; and the reinstatement of two fired workers accused of instigating strikes, along with five who were punitively relocated to distribution branches in Cairo and Alexandria.

Another unmet demand, which Mahalla’s workers have been struggling for since 2006, is a minimum wage of LE1200 per month (roughly US$200). Workers are also demanding larger bonuses, improved contract agreements and opportunities for promotion. …

[17.02.11 16:27]

A roadmap for labor

Khaled Ali (Lawyer, Director of the Egyptian Center for Economic and Social Rights)

Al-Masry Al-Youm, 17.2.2011.

Why have worker protests persisted after the mass rallies that fueled Egypt’s 18-day uprising have largely come to an end?  After Mubarak’s resignation on 11 February and the transfer of power to the military, most political forces left Tahrir Square expect for a small minority of activists. Many seemed satisfied with the outcome. Some political forces even seemed to have reached some agreements with the new regime. Perhaps workers intensified their protests, rather than stopping, because they have grown accustomed to politicians abandoning their labor demands after promising to partially meet them.

Workers on the streets have made demands to raise wages, bring corrupt company heads to justice, secure fixed positions for temporary workers, and end arbitrary pay deductions. New labor sectors, such as the police force, are now calling for wage hikes, fixed working hours and holidays and new rules for promotions. Bank employees have also participated in the recent protests, forcing Egypt’s central bank to close domestic and international banks for four consecutive days. Public transportation employees have been on a four-day strike in Cairo, leading the governorate to call on them to return to work.

From 12-14 February, between 40-60 labor protests took place every day in industrial and service sectors around the country. The protests spread to various locations around Egypt, forcing the Supreme Council of the Armed Forces to issue a communiqué on 14 February calling for an end to all protests so that the economy would not be disrupted and the government could do its job. …

The communiqué is unlikely to stop the labor protests. At the same time, it’s probably untenable for the military to address all the workers’ demands at once. What the army can do, however, is commit to a series of steps that will insure justice for the workers and give them some assurances that their demands will be met in the near future. These steps should include:

  1. The dissolution of the board of directors of the state-run Egyptian Trade Union Federation (ETUF) and the boards of all general unions falling under the ETUF, as well as those of all union committees. These boards were fraudulently elected and were left unchanged even after Egypt’s administrative and supreme courts raised concerns about their corrupt election procedures.  The ETUF has served as a cover Mubarak’s National Democratic Party (NDP) and all of its policies. The ETUF did not oppose the NDP’s privatization policies or the state’s attempt to control social insurance funds in the past years. …
  2. A state decision mandating a minimum wage that is in line with current prices, in accordance with Egypt’s administrative court ruling last year. Workers are calling for a minimum wage of 1200LE per month while businessmen and government representatives at the National Council for Wages have set it at 400LE per month for the private sector only. To reach a suitable outcome, a minimum monthly wage of 600LE (which the current finance minister and council member, Samir Radwan, has stated is appropriate) should be immediately implemented across all sectors (public, private, and privatized). …
  3. Immediate steps by the government to ensure that the Finance Ministry’s decision to offer fixed positions to all temporary employees is implemented immediately.
  4. The cancellation of new regulations in government and educational hospitals, issued under the ex-ministers of health and local development, which treat the right to medical care as a commodity afforded only to those who can pay for it.
  5. A decree to disband all hiring agencies, which have returned the practice of slavery to Egypt. Workers who sign contracts with these agencies are vulnerable to being dismissed by their employers–usually big companies–at any time. Under such contracts, the relationship between workers and big companies becomes devoid of any social and health guarantees. …
  6. An amendment to the existing labor law that gives workers who obtain court rulings overturning their dismissal a choice: returning to work with compensation for time missed during the dismissal period or not returning to work and receiving full compensation for being arbitrarily fired. … Under the current laws, business owners have the right to arbitrarily dismiss employees. If workers attempt to reverse the dismissal in court, business owners can refuse to abide by the ruling if they offer as little as two-months pay for every year of service, or whatever sum the court deems necessary. …
  7. The establishment of an unemployment fund to help those without a job, as well as a clear set of rules, procedures and authorities that will regulate the distribution of the funds.

 

[18.02.11 08:31]

Der hier in Teilen nachgezeichnete massive Aufschwung der Proteste und Streiks von Arbeitern und Angestellten in den Tagen vor dem Sturz Mubaraks lässt allerdings vermuten, daß darin ein wesentlicher Grund für die erfolgte Machtverschiebung zu sehen ist. Die scharfen Töne der neuen Machthaber aus der Militärführung gegen weitere Streiks und Versammlungen bestätigen diesen Verdacht. Der Aufschwung der Arbeitskämpfe, der Aufbau neuer Gewerkschaftsstrukturen und nicht zuletzt die Fortsetzung von Protesten und Streiks der Beschäftigten in der Woche nach dem Abgang Mubaraks zeigen, daß sich Arbeiter- und Demokratiebewegung nicht nur praktisch stark überschneiden, sondern auch gegenseitig zentrale Impulse vermitteln.

Ob die Umbrüche in der arabischen Welt letztlich zu Gunsten des internationalen Kapitals oder zu Gunsten nationaler Kapitalfraktionen verlaufen und ob sie die Kapitalherrschaft zurückdrängen oder sogar befördern ist auch bei Linken umstritten. National wie international finden jedenfalls zumindest bedeutsame Verschiebungen auf der Seite des Kapitals statt. Mit grosser Skepsis sehen einige in den Umbrüchen im wesentlichen eine Umstrukturierung und Modernisierung im Interesse des Metropolenkapitals, bis hin zur Charakterisierung der Prozesse als gezieltes, grossangelegtes Manöver imperialistischer Machtzentren. Ein Teil der metropolitanen, aber auch der (traditionellen) arabischen Linken orientiert unter antiimperialistischen Vorzeichen auf breite, bürgerlich-demokratische Bündnisse mit nationaler oder arabisch-nationalistischer Tendenz. Grössere Aufmerksamkeit erfährt die Arbeiterbewegung der betroffenen Länder im Umfeld klassenkämpferischer und trotzkistischer Sozialisten, wo man mit mehr oder weniger Optimismus auf die Perspektive einer sozialistischen Revolution setzt.

Zur Rolle der Arbeiterklasse und den Perspektiven der Volksbewegung lesen wir z.B. in den „8 Thesen zu den Volkserhebungen in der arabischen Welt“ von Anton Holberg am 15.2.2011 bei scharf-links.de:

1. Ausschlaggebend dafür, dass sich zentrale Teile der herrschenden Klasse – in Ägypten insbesondere die Führung der Armee als zentrale Kraft dieser Klasse – gegen die bisherigen politischen Führungen (Ben Ali in Tunesien, Mubarak in Ägypten) gewandt habe, waren die von ihnen befürchteten ökonomischen Auswirkungen der Streikwelle der Arbeiter. Das gilt insbesondere für Ägypten als ökonomisches und kulturelles „Herz“ der arabischen Welt.

2. Da die Arbeiterklasse im Wesentlichen nicht mit klassenspezifischen politischen Zielen in den Massenaufstand eingegriffen hat, ist dessen Charakter der einer politischen bürgerlichen Revolution. Die bürgerliche Revolution im ökonomischen Sinn wurde in der Region … bereits weitgehend von den nationalen Unabhängigkeitsbewegungen unter Führung der Neodestour-Partei in Tunesien und der „jungen Offiziere“ unter Gamal Abd-el Nasser in Ägypten vollzogen.

3. Unter diese Umständen ist das heute optimal Erreichbare eine gewisse Modernisierung der bürgerlichen Klassenherrschaft im Sinne einer stärkeren formalen Demokratisierung und ökonomischen Technokratisierung auf Kosten der bisherigen Kleptokratien und möglicherweise – ungeachtet der offiziell unklaren Reaktionen auf die Aufstände – auch im Interesse des Imperialismus.

4. Die in Hinblick auf ihre unmittelbare politische Zielsetzung weitgehend erfolgreichen Erhebungen in Tunesien und Ägypten und auch der Charakter der demokratischen Volksbewegungen in anderen arabischen Ländern … eröffnen jedoch Chancen für – mittel- bis langfristig – grundlegendere Veränderungen. …

6. Wenn aber der demagogische Nationalismus … und auch der Islamismus … sich sichtbar auf absteigendem Ast befinden, eröffnet sich wohl erstmalig eine reale Chance auf eine Bewegung hin zum revolutionären Sozialismus. … Die zu erwartende Unfähigkeit der bürgerlich-demokratischen Nachfolgeregime, den Massen Brot und Arbeit zu geben und dann notwendigerweise auch ihre Tendenz, die erkämpften Freiheiten wieder zurückzunehmen, drängt jedoch objektiv in die genannte Richtung. Es wird sich zeigen, ob die Arbeiterklasse in der Lage sein wird, zur Trägerin dieser Perspektive zu werden und so die übrigen unterdrückten, ausgebeuteten und marginalisierten Klassen und Schichten hinter sich im Kampf zu vereinigen.

Horst Hilse hebt in seiner Antwort auf Holberg auf scharf-links.de am 16.2.2011 unter anderem die Besonderheiten der ägyptischen Arbeiterbewegung und der dortigen Entwicklungen hervor:

… Der ägyptische Staat hatte bis in die 70er Jahre hinein große moderne Erdöl- und Erdgasanlagen errichtet und der Staat garantierte den Beschäftigten dieser Industrien eine gewisse Sicherheit. Das ist auch der Grund, weshalb sich die ägyptischen Gewerkschaften (mit ihren Millionen zählenden Mitgliedern) mit dem Staat mehrheitlich arrangierten. Diese staatliche Beschäftigungspolitik wurde mittels aufgeblähter Polizei und Bürokratie auch in andere Bereiche übernommen und fortgeführt.

Das Bündnis zwischen Staat und Arbeiterbewegung wurde erst brüchig, als im Zuge der neoliberalen Offensive des Weltkapitalismus ab 1971 soziale Errungenschaften zunehmend abgebaut wurden und daraufhin ein Radikalisierungsprozess in der Gewerkschaftsbewegung einsetzte, so dass in den Gewerkschaftswahlen immer häufiger radikale Vertreter in Gremien gewählt wurden.

Radikale Streiks häuften sich in den 90er Jahren und auf die sich religiös formierende Opposition reagierte das Regime mit Wahlfälschung, Repression und Unterdrückung. …

2008 wurde das Land ebenso wie Indien, Haiti, Senegal, Mauretanien etc… von ausgedehnten Hungeraufständen aufgrund der weltweiten Nahrungsmittel- Börsenspekulation erschüttert.

Um der zunehmenden Radikalisierung größerer Bevölkerungsteile einen Riegel vorzuschieben und die potentiell bedrohliche organisierte Opposition in den Gewerkschaften zu zerstören, beging das Mubarak-Regime 2009 einen folgenschweren Fehler mit dem „Gesetz 100“. Dieses Gesetz bestimmte, dass alle gewählten Gewerkschaftsvertreter von staatlichen Institutionen bestätigt werden müssten.

Damit hatte das System seine einzig verfügbare Massenbasis zerstört und die Spaltung der Gewerkschaften eingeleitet.

Wenn unter diesen Umständen die Belegschaften der modernen Industrien geschlossen in die Streiks zum Sturz des Regimes eintraten, so war das zugleich der Todesstoß für die Kungelgewerkschaften. Wie ich bereits in meinem früheren Beitrag herausstellte, ist auch das Verhalten jener Arbeiter wichtig, die in der „verlängerten Werkbank“ von Mercedes, BMW, VW, Telekom etc. arbeiten und die kaum von den Gewerkschaften erfasst werden. Die Belegschaften vieler Erdöl- und Erdgasfirmen belagerten in den vergangenen Wochen in Nasr City in Kairo das Erdölministerium.

Dazu schreibt der ägyptische Blogger Hossam el-Hamalawy: “Die Arbeiter haben etliche ökonomische und politische Forderungen. Sie wollen ein Ende der entwürdigenden Praktiken des Managements wie der Entlassung von Arbeitern, die für ihre Rechte eintreten. Sie fordern die Wiedereinstellung Entlassener, die Anhebung der Entlohnung, die 400 ägyptische Pfund (umgerechnet etwas mehr als 50 Euro) beträgt.Sie verlangen eine unabhängige Gewerkschaft und ein Amtsenthebungsverfahren gegen Ölminister Sameh Fahmy und den Stopp der Erdgaslieferungen an Israel.“

… Ist für die Staaten dieser Region mit ihrer starken Einbindung in die Bedürfnisse der europäischen Konzerne sowie ihrer Rolle im Finanzmarkt ein gangbarer Weg zu einer halbwegs funktionierenden bürgerlichen Gesellschaft möglich?

Kann das europäische Kapital den Aufbau einer dem nationalen Wählerwillen verpflichteten Elite dulden oder gar fördern, während es doch selbst in seinen Kernbereichen aktuell große Probleme mit der durch die Brüsseler Finanzoligarchie (siehe Griechenland) vorangetriebenen Wählerentmachtung hat?

Wenn ja, dann doch wohl nur, um die dortige arabische Elite als Co-management bei der Ausbeutung in den Imperialismus zu funktionalisieren. Dadurch aber würde die Konfrontation mit einer politisch erwachten Bevölkerung nur eine Frage der Zeit sein. Die erwachende Arbeiterbewegung wird aus den bisherigen Erfolgen mit größerem Selbstbewusstsein hervorgehen und sich weniger als zuvor für fremde Interessen instrumentalisieren lassen. Damit aber wird sie in die Rolle geraten, eine antiimperialistische Kraft sein zu müssen.

Als europäische Linke werden wir gefordert sein, die notwendige Solidarität mit unseren dortigen Kolleg/innen und Genossen zu organisieren. Dabei stoßen wir bei uns auf die Verteidiger des europäischen Kapitalinteresses in Politik und Medien. Täglich betreiben sie aktive Propaganda für einen Demokratievorbehalt zu westlichen Gunsten.

… Während die Reaktionäre lauthals ihre Klasseninteressen medial zur Geltung bringen, … steckt die Formulierung linker Politik zur Unterstützung der sich entwickelnden arabischen Revolution noch in ihren Anfängen und wird zudem durch ein unangemessenes behäbiges rein nationales Selbstverständnis hiesiger Linker erschwert.

Demzufolge mangelt es auch an Verständnis für Erhebungen im globalisierten kapitalistischen Weltsystem und es werden einzelne Erscheinungen zu Erklärungsmustern verdichtet. So wird z.B. die Rolle des Internets weit überschätzt, da von den 84 Millionen Ägypter nur knapp 5 Millionen  (in Deutschland dagegen 82% der Bevölkerung) Zugang zu Netzen haben. …

Aktuell kaum thematisiert wird dagegen der Zustand einer 20-Millionen Metropole wie Kairo, wo ein Stadtteil bereits soviel Einwohner hat, wie ganz Köln zusammengenommen. Sind in einem solchen „Viertel“ auch noch 40% arbeitslos und der Hunger eine reale Bedrohung, so wird die „Volkswut“ verständlicher. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass die arabischen Erhebungen eher in Indien als in Europa ein breites Echo fanden und dort große Solidaritätskundgebungen stattfanden. …

[18.02.11 23:20]

Weitere Zusammenfassungen und Kommentare zur Rolle und Perspektive der Arbeiterbewegung:

  • Strikes lit the fuse for revolution that toppled Mubarak – Independent Online, 18.2.2011 – One of the major – and generally little publicised – factors that forced Egypt’s former president Hosni Mubarak out of office was the wave of strikes that erupted throughout the country. Workers in industry, banking, agriculture and the stock exchange stopped work – and most remain on strike this week. …
  • Joel Beinin: Egypt’s Workers Rise Up – The Nation, 17.2.2011 – Since 1998 well more than 2 million workers have participated in some 3,500 strikes, sit-ins and other forms of protest. There have been major strikes in nearly every sector of the Egyptian economy, including one in December 2006 and another in September 2007 at the mammoth Misr Spinning and Weaving Company in Mahalla al-Kubra and a five-month struggle at the newly privatized Tanta Linen Company in 2009. … Workers’ collective actions over the past decade have usually targeted bread-and-butter issues – … At the appropriate moment, workers did not hesitate to fuse economic and political demands. … The cumulative effect of the workers’ movement taught millions of Egyptians that it was possible to win something through struggle and that the regime, perhaps because it feared scaring away foreign capital, would likely respond with only limited repression. …
  • Kareem Fahim: Freed by Egypt’s Revolt, Workers Press Demands – The New York Times, 16.2.2011 – … A labor movement that was fragmented and hemmed in by former President Hosni Mubarak’s government exploded once the police state collapsed. In part, the strikes are an effort by workers to catch up on wages that have been eaten away by inflation. In some places, the strikes seemed to reflect opportunism, as people all over the country wonder what the revolution can do for them. But they also seem to underscore the growing confidence of workers whose activism in recent years — despite a ban on strikes and the formation of independent unions — served as a critical root of the revolution. …
  • Mike Whitney: Egypt’s Workers Revolt – CounterPunch, 17.2.2011 – The real story about what’s going on in Egypt is being suppressed in the US because it doesn’t jibe with the „ain’t capitalism great“ theme that the media loves to reiterate ad nauseam. The truth is that the main economic policies that Washington exports through bribery and coercion have ignited massive labor unrest which has set the Middle East ablaze. … Mubarak’s resignation is probably just a sop to Egyptian workers, hoping that they’ll follow the military’s advice and sheepishly return to their sweatshops … But that probably won’t happen, because the 18 days in Tahrir Square has had a transformative affect on the consciousness of 80 million Egyptians who’ve suddenly „had enough“. … The revolution started long before the demonstrations in Tahrir Square, and it will continue for a long time to come. Workers everywhere are rebelling against the miserable conditions, slave wages and „privatization“, the crown jewel of neoliberalism. The privatization of state industries in Egypt is the proximate cause of the current uprising.
  • K R Bolton: Is Egypt’s Labor Movement Being Co-opted by Globalists? –  Global Research, 21.02.2011 – In Egypt a labor movement has emerged that looks suspiciously like a globalist creation. … Amidst the jubilation in some … quarters at the formation of the Egyptian Federation of Independent Unions it should be kept in mind that a lot of time and money have been expended by globalist bodies such as NED to create labor movements that can co-opt legitimate demands for reform. … The AFL-CIO’s Solidarity Center is at work in twenty-eight countries, discouraging radical organizing among workers and promoting privatization by assisting unions and labor groups that support private enterprise. … The much-lauded Federation of Independent Egyptian Unions sounds suspiciously like a globalist operation. The Center for Trade Union and Workers’ Services (CTUWS) established in 1990 which, together with the Real Estate Tax Authority Union, has formed the basis of the Federation of Independent Egyptian Unions. CTUWS is a “Solidarity Center partner.” … Kamal Abbas is General Coordinator of the CTUWS. He has been groomed by attendance at globalist and US labor conferences which serve to co-opt the labor movements into the globalization process. ..
[18.02.11 23:21]

Aktuelle Links & News:

  • Suez canal workers protest low salaries – Al-Masry Al-Youm, 17.2.2011 – Around 1500 workers of the Suez Canal Authority staged protests in three cities on Thursday, demanding better salaries and medical insurance. A source said that authority employees, including technicans and administrators, rallied in front of governorate buildings in Ismailia, Suez and Port Said, but vowed that the demonstrations will not affect shipping in the canal. The same source said that workers‘ salaries are LE500 or less, …
  • Conductor’s strike brings railways to a halt – Al-Masry Al-Youm, 17.2.2011 – Railway transport in Egypt was stalled on Thursday as conductors staged a protest calling for equality with workers in other transport sectors concerning the 30 percent bonus approved by the Ministry of Transport. The protesters demanded an investigation into the LE130,000 incentive obtained by senior officials at the Egyptian Railways Authority, …
  • Egypt textile firm Arafa says reaches deal with strikers – Ahram Online, 17.2.2011 – Largest garment exporter in Egypt settles with workers to end strike.
  • International Transport Workers‘ Federation (ITF): Strike ban in Egypt “unthinkable and unworkable” – 18.2.2011 – The ITF this week denounced any semblance of a clampdown on industrial action in Egypt following reports that the new military government may be planning to stop union meetings and ban strikes. In a statement released earlier this week ITF general secretary David Cockroft said: “A ban would be unthinkable and unworkable. It is strikes that have helped remove Mubarak and open up the possibility for democratic change and progress. Bus drivers struck in Cairo. Railway workers closed the stations and even put sleepers on the tracks to stop the trains. Local leaders of the maritime union organised strikes along the Suez Canal and in the ports.”
  • Strike reduces production in Egypt’s largest gold mine – Al-Masry Al-Youm, 19.2.2011.
  • Strikers at giant Mahallah factory push for reforms – Daily News Egypt, 20.2.2011.
  • Army says it will not allow more labor protests – Al-Masry Al-Youm, 20.2.2011.
  • Strikes continue in Egypt despite military threats – libcom.org, 21.02.2011 – Despite threats from Egypt’s new military government that the wave of strikes which has swept the country will no longer be tolerated, 15,000 workers at Misr Spinning and Weaving in Al-Mahalla al-Kubra are continuing a strike and sit in. The strike, which began in support of the protests which ousted former president Hosni Mubarak stopped temporarily after he stood down. However, it started again three days later laying out demands for wage increases and the resignation of Fuad Abdel Alim, the company head who is accused of corruption and mismanaging the company, along with three other executives. The factory is the largest in Egypt. … Likewise, 6,000 workers at Damietta Spinning and Weaving struck, similarly demanding the resignation of the executive board.
  • Strike ends in Egypt’s largest factory in Mahallah – Ahram Online, 21.02.2011.
[22.02.11 12:34]

Scores of electricity workers protest for diverse job demands

Al-Masry Al-Youm, 21.02.2011

Labour protests within Egypt’s electricity sector have escalated as workers at seven power plants staged sit-ins calling for „tangible solutions to their problems.“ They denounced what they described as the Electricity Ministry’s „campaign of deception and delay.“

Technicians and administrative officers organized strikes at the Nubariya plant in Beheira, Tebbin and Karimat in Helwan, Abu Sultan in Ismailia, and Oyoun Moussa and Ataqa in Suez.

The protesters said they chose to stage the sit-ins at their workplaces so that work in the vital sector can continue.

Damietta’s Kafr al-Battikh plant also saw a number of small-scale demonstrations calling for permanent job contracts. Protesters denounced the failure to dismiss allegedly corrupt officials at the Electricity Ministry. They created a Facebook group to communicate with other fellow workers in the sector.

The Damietta protesters also demanded danger and housing allowances, an increase to their basic salaries, and the elevation of their job rankings to reflect the certification they have obtained while in their posts. They also called for the resignation of the head of the Egyptian Electric Holding Company.

[23.02.11 15:01]

Philip Bethge berichtet in Teil 3 seines Internet-Tagebuchs auf marx21.de vom 23.02.2011 über Gespräche mit verschiedenen Beteiligten im nördlich von Kairo gelegenen Industriestandort Mahalla:

Erfolgreicher Streik in Mahalla

… Den Sonntag haben wir in Mahalla verbracht, wo – wie die dortigen Aktivistinnen und Aktivisten uns stolz erzählen – der Aufstand gegen Mubarak angefangen hat. 2006 gab es dort einen wichtigen Streik in den Textilfabriken, die die junge Bewegung inspiriert hat. Zwei Jahre später, am 6. April 2008, haben die Textilarbeiterinnen wieder gekämpft, weil sie zwei Monate keinen Lohn erhalten hatten. 500.000 Menschen demonstrierten damals aus Solidarität, praktisch alle Einwohner der Stadt. Leider fehlte im Rest des Landes damals das Selbstbewusstsein, um mitzudemonstrieren, aber nach diesem 6. April benannte sich dann eine wichtige Oppositionsgruppe. Am Tag vor unserem Besuch hatten 14.000 Textilarbeiter gerade einen Streik beendet, nachdem sie eine Lohnerhöhung von 25 Prozent, gleichen Lohn für ungelernte Arbeiter und anderen Forderungen durchgesetzt hatten.

Unsere Gastgeber heute sind Unterstützer und Sympathisanten der Demokratischen Front in Mahalla, Liberale (im ägyptischen Sinn), die die Kandidatur von Mohammed El-Baradei für das Amt des Präsidenten unterstützen. Fast alle sind frisch politisiert, jung und stammen aus der Mittelschicht. Vier von den fünf sind Ärztinnen und Ärzte. Inwiefern aber ein Arzt, der 20 Euro im Monat verdient, tatsächlich Teil der Mittelschicht ist, kann man diskutieren. …

Vom Büro der Demokratischen Front gehen wir zu den »Labourers of Egypt« (Ägyptische Arbeiter). Diese Organisation von Ehrenamtlichen hilft den Arbeiterinnen in Mahalla, Widerstand zu leisten. Der Koordinator für Mahalla Gamal Abu Ala sagt, dass alle Gewerkschaften von dem alten Staat abhängig waren, und dass es wichtig sei, neue Organisationen zu gründen. In diesem Sinn stellt er Saeed Habib vor, der angeblich von diesem Büro aus die letzten Streiks organisiert hat.

Wir sind nicht in der Lage, diese Aussagen zu prüfen. Es ist aber angemessen zu sagen, dass die Meinung der »Labourers of Egypt« nicht weit von den Ideen in den Köpfen vieler streikender Arbeiterinnen entfernt ist. …

Sie sagen, es sei gut, dass Arbeiter unter der Woche streiken, und auch gut, dass sie am Freitag demonstrieren. Beides seien Teile desselben Kampfes. Aber die Forderungen der Streikenden sollen ökonomisch bleiben – für höhere Löhne, Gleichheit zwischen gelernten und ungelernten Arbeiter und so weiter. In diesem Sinn sei es ganz in Ordnung, dass die Streikenden nur einige ihrer Forderungen gewonnen haben, und dass der Streik beendet ist. Sie wollen nicht zu gierig erscheinen. …

… Heute treffen die jungen Aktivisten zum ersten Mal Mahmad Bara, den lokalen Anführer der Muslimbruderschaft, und sie sind skeptisch. … Nichts desto trotz haben sie großen Respekt vor der Disziplin und Organisation der Bruderschaft und nehmen sie als relevante Oppositionskraft wahr.

Bara erzählt, dass die Bruderschaft die Revolution voll unterstützt und ihre offizielle Unterstützung am Anfang der Proteste nur deswegen nicht erklärt hat, weil sie verhindern wollte, dass die Revolution mit der Bruderschaft identifiziert wird. … Weiter meint er, die Erfolge der Revolution müssten verteidigt werden, und deswegen seien die Streiks letzte Woche konterrevolutionär gewesen – höchstwahrscheinlich von Mubarak-Anhängern organisiert. …

… Die Männer und Frauen sind überzeugter denn je, dass Bara und die Führung der Bruderschaft konservative Interessen vertreten. Sie erkennen aber an, dass sie nicht ignoriert werden kann. Das Basis der Bruderschaft, die nicht unbedingt alle Ideen teilt, muss durch politische Auseinandersetzungen gewonnen werden. Die Bruderschaft wird nicht hauptsächlich wegen der Konfession unterstützt, sondern weil sie eine kohärente Weltanschauung in Opposition zu Mubarak anbieten konnte und kann.

Zuletzt gehen wir zur Bahnhof, um mit Mohammed Mourad zu sprechen. Mohammed ist Bahnarbeiter und lokaler Abgeordneter der »Party of Labour« (Arbeiterpartei). …, es ist schwierig abzuschätzen, genau wo die Arbeiterpartei steht, aber wir können davon ausgehen, dass sie irgendwelche sozialdemokratischen Ideen hat.

Deswegen ist es interessant zu hören, dass Mourad in einem Punkt Mahmad Bara von der Bruderschaft zustimmt: Die letzten Streiks in Mahalla seien konterrevolutionär gewesen und hätten nur von Mubarak-Anhängern organisiert sein können.

[Hervorhebungen von mir]

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