Libyen: Wo sind die 6000 Toten?

Seit Anfang Februar verfolge ich die Berichterstattung zu Libyen. Im Verlauf der letzten Wochen hatte ich dabei weit über Tausend Meldungen vor der Nase, aus gut Hundert Quellen unterschiedlichster Sorte. Von BBC und Al Jazeera über Nachrichtenagenturen wie dpa, AP, Reuters und AFP, Tageszeitungen aus aller Welt, Blogs unterschiedlichster Herkunft bis zu den Twitter-Feeds von feb17.info und einzelnen Journalist(inn)en, u.v.m. Dabei fiel eines auf: In den Wochen seit Mitte Februar gab es immer wieder viele Einzelmeldungen über Tote infolge der gewaltsamen Auseinandersetzungen in Libyen, welche meist eine sehr kleine Zahl von Todesopfern angaben, die nur in einzelnen Fällen ein bis einige Dutzend überschritten. Und dennoch gab es Ende Februar, Anfang März etwa eine Woche, in der pauschale Meldungen über Todesopfer, die dem libyschen Regime zugeschrieben wurden, eskalierten. Innerhalb weniger Tage schraubten sich die Angaben bis auf 6000 Tote und mehr hoch. Im Handumdrehen setzte sich im allgemeinen Diskurs die Rede von ungeheuren Massakern durch, die es in Libyen geben solle. Die damit einhergehende Propaganda in der Öffentlichkeit, aber auch in den UN-Gremien trug entscheidend dazu bei, den jetzt erfolgenden Krieg gegen Libyen zu legitimieren, vorzubereiten und zu führen.

Seit dem Beginn der Proteste in Libyen Mitte Februar wurden aber auch die Stimmen vielfältiger und lauter, die dem Bild misstrauten und widersprachen, das die eifrigen Verfechter der Militärintervention von der Situation in Libyen entwarfen, insbesondere im Hinblick auf das Vorgehen der dortigen Staatsmacht und ihrer Organe sowie Anhänger. Im Rück- und Überblick blieb die Behauptung von Tausenden von Todesopfern des Gaddafi-Regimes Anfang März einsam stehen. Weder davor noch danach gab es Berichte über derart hohe Opferzahlen. In vielen Köpfen hatte sich jedoch die Idee von Gaddafi als rücksichtslosem Massenmörder durchgesetzt, der dabei ist, sein eigenes Volk systematisch und in grosser Zahl abzuschlachten. Das war letztlich die entscheidende Legitimation für die Ermächtigung zur massiven Missachtung, praktisch völligen Annulierung der nationalen Souveränität Libyens durch USA, UK, Frankreich und ihre Verbündeten.

Die Sache riecht also nach einem gewaltigen Betrug, einer irrwitzigen Propagandalüge. Mögen Statistiker und Historiker den Sachverhalt in Zukunft minutiös aufklären. Der mit den 6000 Toten begründete Krieg findet jetzt statt. Deswegen fragen wir jetzt, wie schon seit Wochen: Wo sind die 6000 Toten?

Ein französischsprachiger Beitrag vom 26.3. im Blog „Le Petit Blanquiste“ (zuerst gefunden bei „Vilistia“ @ „Le Post“, datiert vom 30.3.) fragt ebenfalls: „Où sont les 6.000 victimes de Kadhafi?“ Meine Französischkenntnisse sind nicht besonders ausgeprägt, möchte aber dennoch auch auf einen weiteren Beitrag auf der Website „Investig’Action“ des belgischen Journalisten und Historikers Michel Collon verweisen: Cédric Rutter, 28.3.2011: „Libye – 6000 morts avant l’intervention?“.

Explizite Auflistungen der breiten Wiedergabe der 6000-Tote-Behauptung kann man sich derzeit sparen, eine simple Suche nach „libyen 6000 tote“ bei Google liefert schon auf Deutsch eine endlose Liste von Medien, welche die Meldung verbreitet haben. Die Quelle der Information, meist mit „libysche Menschenrechtsorganisation“ angegeben, ist schnell ausfindig gemacht, es ist die „Libyan League for Human Rights“ (LLHR), im Web repräsentiert durch den Facebook-Account „LibyanLeague“. Der Verein gehört dem Euro-Mediterranean Human Rights Network (EMHRN) an und ist in der Mitgliederinformation der EMHRN-Website mit 150 Mitgliedern und Sitz im deutschen Garching aufgeführt. Nach Angaben bei Wikipedia ist der Hauptsitz der Organisation in Genf und es existieren weitere Vertretungen in England und den USA. Die LLHR bildet zusammen mit der „National Front for the Salvation of Libya“ (NFSL) und einigen weiteren Organisationen die „National Conference for the Libyan Opposition“ (NCLO). Die LLHR gehörte also zur politischen Organisation für den Umsturz in Libyen, die den „Day of Rage“ am 17. Februar ausgerufen und vorbereitet hat. Die „Menschenrechtsorganisation“ war spätestens Ende Februar de facto Kriegspartei.

Aufgegriffen und verbreitet wurde die Angabe der LLHR zu den Opferzahlen der libyschen Unruhen  zusammen mit der „vorsichtigeren Schätzung“ des internationalen Dachverbands FIDH, der „International Federation for Human Rights“ mit Hauptsitz in Paris, in der die LLHR ebenfalls Mitglied ist. Das las sich dann beispielsweise am 2.3.2011 bei der NZZ folgendermassen:
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